Manche Lehrlinge denken daran, die Lehrstelle zu wechseln. Doch so ein Schritt will gut überlegt und geplant sein.

Einfach alles hinschmeißen, nicht mehr zur Arbeit gehen oder sich nach einer anderen Lehrstelle umsehen? Das haben sich schon mehr als die Hälfte der Lehrlinge in Österreich zumindest ein Mal überlegt, konkrete Schritte folgen allerdings eher selten. Denn laut „Lehrlingsmonitor“, der gemeinsam von der Arbeiterkammer und dem Gewerkschaftsbund ÖGB Ende vergangenen Jahres herausgegeben wurde, ist nur jeder fünfte Lehrling mit seinem Ausbildungsbetrieb wirklich auf Dauer unzufrieden und lediglich jeder sechste bricht seine Lehre ab. Der Umfrage zufolge lösen die Lehrlinge besonders in den Branchen Handel, Tourismus und Friseure ihre Lehrverträge auf.

Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Die Palette reicht von zu vielen Überstunden über zu wenig Feedback und Anerkennung bis hin zur Einsicht, dass sie schlicht im falschen Beruf sind. „Bei mir kam gleich vieles zusammen“, sagt Nina Eichinger*. Die heute 19-Jährige begann zunächst ihre kaufmännische Lehre bei einem mittelständischen Betrieb in der Nähe von Salzburg.
„In meiner Abteilung waren zwölf Leute, es ging vom ersten Tag an extrem hektisch zu, der Ton war rau und es hatte kaum jemand Zeit, mich einzuarbeiten oder meine Fragen zu beantworten“, erinnert sie sich an die ersten Wochen. Doch die damals 16-Jährige biss die Zähne zusammen. „Ich bin niemand, der schnell aufgibt, und dachte, dass nur der Anfang so schwer ist.“
Dabei übersah sie, dass sie nie richtig Freude an den Aufgaben hatte, die man ihr – neben Jauseholen, Kaffeekochen und Servieren bei Meetings – mit der Zeit zuteilte. „Ich fand auch keinen Draht zu den Kolleginnen und Kollegen. Irgendwie hatten wir nie die gleichen Themen. Ich war und blieb immer eine Außenseiterin.“

Sie ging nur noch mit Bauchschmerzen zur Arbeit und merkte, wie die anfänglich gleichgültige Stimmung ihr gegenüber überging in offene Ablehnung. „Ich wurde nicht direkt gemobbt, aber man gab mir täglich irgendwie zu verstehen, dass ich dort nicht am richtigen Platz bin.“ Nach einem Dreivierteljahr bekam Eichinger eine schwere Gastritis und ihr Arzt riet ihr, doch vielleicht gleich die Branche zu wechseln.

Nicht leichtsinnig hinwerfen

Ein so deutlicher Schnitt mitten in der Ausbildung will sehr gut überlegt sein, mahnen die Experten der Wirtschafts- und Arbeiterkammer. Denn zum einen sind Lehrabbrecher schwerer vermittelbar in neue Plätze, zum anderen ist der Verwaltungsaufwand auch für die Betroffenen sehr hoch. Daher raten beide Kammern meist, doch lieber im ungeliebten Ausbildungsberuf zu bleiben und sich später nach einer attraktiveren Arbeitsstelle umzusehen oder Weiterbildungen zu absolvieren. Doch das kam für Nina Eichinger nicht infrage. Im Büro ließ sie sich zunächst nichts anmerken und vereinbarte einen Termin mit der Lehrlingsberatungsstelle der Wirtschaftskammer.

„Dort war mein Berater zunächst nicht glücklich darüber, dass ich im Vorfeld kein Gespräch mit meinem Ausbildungsverantwortlichen gesucht hatte. Aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass ich in das ganze Büroumfeld einfach nicht zurückwollte“, sagt Eichinger.

Auf Rat des Experten hin machte sie sich dann – neben der Ausbildungszeit – auf die Suche nach einer geeigneteren Lehre. Da sie die Branche gänzlich wechseln wollte, war ihr klar, dass sie die bislang erbrachte Lehrzeit nicht angerechnet bekommen würde, sondern ganz von vorn beginnen musste. Tipps und Zuspruch bei der Suche nach „ihrer“ idealen Ausbildungsrichtung erhielt sie über die Internet-Beratungsstelle „Rock your Future“ (www.lehre-statt-leere.at). Diese bundesweite Koordinationsstelle für Lehrlings- und Lehrbetriebscoaching im Auftrag von Wirtschafts- und Sozialministerium bietet Lehrlingen, deren Lehrverhältnis noch besteht bzw. höchstens vor sechs Monaten aufgelöst wurde, Unterstützung, Rat und Tat zum Nulltarif an. Über das AMS erhielt sie dann die Adresse einer sozialen Einrichtung, an der sie sich um eine Ausbildungsstelle in der Pflege bewarb. „Im Vorstellungsgespräch war ich ganz offen, was meine Gründe betraf, und erhielt sofort die Zusage“, sagt Eichinger.

Wer seine Gründe für den Wechsel des Ausbildungsplatzes gut darlegen kann, hat in einem Gespräch auf jeden Fall bessere Karten als jemand, der nach Ausflüchten sucht oder keine Hintergründe liefern kann, weiß man bei der AK.

*Name von der Redaktion geändert

Text: SN/Ute Dorau
Bild: www.bilderbox.com

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