Der Trend zur Matura brachte selbst Modeberufen Nachwuchsmangel. Die Friseure wollen die Umkehr mit höherer Lehrlingsentschädigung schaffen, in der Steiermark zeigt das Modell „Technical Experts“ Erfolge.

Bei so starken Rückgängen wie in den vergangenen Jahren, die die Lehrlingsausbildung in Österreich verkraften musste, ist ein leichtes Plus schon einen kleinen Erleichterungsseufzer wert. 31.804 junge Menschen starteten mit Stichtag 31. August eine Lehre. Das sind um 0,5 Prozent mehr neue Lehrlinge als im Vorjahr. Die aussagekräftigeren Septemberzahlen fehlen zwar noch, die gibt es erst Anfang Oktober. Doch das kleine Plus im August zeige bereits einen ungefähren Trend, sagt Bildungsexperte Alfred Freundlinger von der Wirtschaftskammer Österreich. Den leichten Aufwind sieht er darin begründet, dass die Zahl der infrage kommenden Jugendlichen zuletzt nicht weiter gesunken ist.

Der fehlende Nachwuchs hatte zuletzt alle Berufszweige erfasst. Auch den Friseurberuf, der immerhin – vor allem bei Mädchen – über Jahrzehnte als beliebtester Lehrberuf galt. Doch die Lücke bei den Lehrlingen wurde in den vergangenen Jahren immer größer. Wurden vor zehn Jahren in ganz Österreich noch rund 5800 Friseurlehrlinge ausgebildet, waren es vor fünf Jahren erstmals weniger als 5000, und im Vorjahr zählte die Haarschneiderzunft überhaupt nur noch knapp 3900 Lehrlinge. Wolfgang Eder, Inhaber eines Salons in der Moosstraße in Salzburg und Bundesinnungsmeister der Friseure, sagt ganz ehrlich: „Man hat lang geglaubt, der Friseurberuf ist von den Rückgängen nicht betroffen.“
Seit Jahren bemüht sich der Salzburger Figaro darum, den Lehrberuf wieder attraktiver zu machen. Wieder eingeführt hat er unter anderem eine alte Zunfttradition in Salzburg – die Freisprechfeier für die Lehrlinge am Ende ihrer Ausbildung. Zwar springen sie nicht wie die Metzger spektakulär in einen Wasserbottich, aber es gibt eine sympathische Variante: Die Prüfer waschen den Lehrlingen symbolisch die Hände und so den Nachwuchs von den Sünden der Lehrzeit frei. Am Montagabend dieser Woche war es im Kavalierhaus in Kleßheim wieder so weit. Rund 70 Lehrlinge – das waren 85 Prozent des Jahrgangs – haben ihre dreijährige Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und die Gelöbnisformel gesprochen, ihre Kenntnisse „mit aller Kraft zum Wohle unserer Kunden und zum Ansehen unseres Berufes einzusetzen“.

Die Friseurinnung hat sich auch zu einem „finanziellen Kraftakt“ (Eder) durchgerungen. Die Lehrlingsentschädigung im ersten Jahr wurde heuer um knapp 17 Prozent erhöht (von 395 auf 460 Euro brutto im Monat). Im zweiten Lehrjahr beträgt die Steigerung auf 560 Euro zwölf Prozent, im dritten Lehrjahr (760 Euro) noch rund zehn Prozent. Eder zeigt sich für Salzburg recht zufrieden mit den Auswirkungen: Heuer habe es bis Anfang September um knapp zehn Prozent mehr Anmeldungen für Lehrstellen gegeben – 140 statt 130.
Innerhalb der Sparte Handwerk und Gewerbe sind die Friseure der größte Lehrlingsausbildner. Die Salzburger Branche zählt 550 Unternehmer mit 1500 Mitarbeitern, davon rund 300 Lehrlinge.
Ein weiteres Ziel von Friseurmeister Eder ist es, künftig auch Maturanten für eine Lehre zu gewinnen. „Dazu habe ich WKO-Präsident Christoph Leitl bereits ein Pilotprojekt vorgeschlagen.“ Eder will, dass die Lehrzeit für Maturanten auf 1,5 Jahre halbiert wird. „Die zunehmenden Maturanten sind eine gesellschaftliche Entwicklung, da müssen wir auch versuchen, Quereinsteiger zu finden.“

Das Thema, mehr Maturanten für eine Lehre zu begeistern, gewinnt immer mehr an Fahrt. Denn der Drang, in die höheren Schulen zu gehen anstatt in die Lehre, hält bei den Jugendlichen an. Zwar konnten Maturanten auch bisher schon eine Lehre absolvieren, zumeist in einer um ein Jahr verkürzten Lehrzeit. Doch für die „Lehre nach der Matura“ fehlt ein österreichweit gültiges Modell ähnlich dem der „Lehre mit Matura“. Letztere haben seit 2008 knapp 4500 Jugendliche absolviert, rund 10.000 stecken derzeit mitten in der Kombi-Ausbildung.

Eine Überlegung der Wirtschaftskammer, wie ein Modell „Lehre nach der Matura“ aussehen könnte, sieht einen intensiven Wifi-Kurs plus ein Jahr Praxis und eine außerordentliche Lehrabschlussprüfung vor. Nur eineinhalb Jahre würde so eine Express-Lehre für Maturanten dauern. Derzeit fehle allerdings noch die Finanzierung, sagt Bildungsexperte Freundlinger.
Dass das Werben für eine Lehre bei AHS- und BHS-Maturanten erfolgreich sein kann, wenn man es richtig macht, zeigt das Beispiel Steiermark. Gesucht werden hier seit 2013 keine neuen Lehrlinge mit Matura, sondern „Technical Experts“. Dabei ziehen die größten Betriebe des Landes, so wie Magna oder Andritz, gemeinsam mit den Metallsparten von Industrie und Gewerbe in der Wirtschaftskammer an einem Strang und veranstalten gemeinsame Infotage direkt an den Schulen. Das Projekt zeigt Wirkung. Unter den insgesamt 15.820 Lehrlingen in der Steiermark waren Ende Dezember 2015 bereits 510 Maturanten. „Noch vor drei Jahren waren es eine Handvoll“, sagt Industriespartenchef Helmut Röck.

Gerade international tätige Unternehmen und Konzerne seien auf der Suche nach Maturanten, denn die Berufe in der Produktion hätten sich vielfach gewandelt. „Statt klassischer Arbeiten wird heute viel programmiert, und für die Abwicklung internationaler Aufträge braucht es viel Kopfarbeit und auch sprachliches Können“, sagt Röck. Nächstes Ziel der „Technical Experts“-Initiative ist eine eigene Berufsschulklasse für Maturanten.

Text: SN/Gerald Stoiber, Birgitta Schörghofer
Bild: SN/WKS/WILDBILD

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