Neues Teilrezept für den Fachkräftemangel: Eine aktuelle Studie aus Deutschland betont das Potenzial von Studienabbrechern.

Nicht wenige junge Menschen brechen ihr Studium ab: Im Jahr 2012 betrug die Quote bei Bachelorstudiengängen in Deutschland 28 Prozent. Zwar gelingt vielen dennoch ein Berufseinstieg, aber sie „bleiben häufig dauerhaft ohne eine formale Qualifikation, was besondere Risiken für die weitere Berufsbiografie birgt“, wie es in einer aktuellen Studie des deutschen Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn heißt. Diese Studienabbrecher will man nun verstärkt für die duale Lehre gewinnen – was einerseits eine Reaktion auf die kleiner werdenden Jahrgangsstärken der Absolventen allgemeinbildender Schulen ist, andererseits auf die veränderten Bildungsinteressen junger Menschen, die sich in einem allgemeinen Trend zur Höherqualifizierung und einer steigenden Studierneigung manifestieren. Als Folge haben es Betriebe immer schwerer, geeignete Lehrlinge zu finden.

Zur stärkeren Ansprache von Studienabbrechern für die Lehre befragte das BIBB mehr als 300 Berufsbildungsfachleute. Das Ergebnis: Aus Sicht der Experten sei „die Integration von Studienabbrechern in die duale Berufsausbildung vor allem mit Chancen für das duale System verbunden“. Jeder zweite Experte ist davon überzeugt, dass die Akquise von Studienabbrechern für duale Ausbildungsgänge die Attraktivität des dualen Systems insgesamt steigert, aber auch dazu beiträgt, dass Betriebe sich weiterhin in der Ausbildung engagieren. „Vor allem aber sehen die Fachleute in der Integration vorzeitig Exmatrikulierter in die duale Berufsausbildung einen wichtigen Beitrag, die Durchlässigkeit in der Berufsbildung zu erhöhen“, führen die Studienautoren Margit Ebbinghaus, Ursula Beicht, Julia Gei und Bettina Milde aus.

Damit diese Vorteile zum Tragen kommen und die Potenziale genutzt werden können, sei es erforderlich, dass Betriebe und Studienabbrecher zusammenfinden. Gerade hierin besteht nach Ansicht der Experten jedoch die Hauptschwierigkeit. Entsprechend favorisieren sie Modellvorhaben, die die Vermittlung von Kontakten zwischen den beiden Beteiligten zum Gegenstand haben. „Die Steuerung solcher Modellvorhaben sollte nach vorwiegender Expertenmeinung auf Bundesebene erfolgen, an der Umsetzung vor Ort sollten vorrangig Kammern, Wirtschaftsverbände, Hoch- und Berufsschulen sowie die Arbeitsagenturen beteiligt werden.“

Ungeachtet dessen stellten sich die Erfolgsaussichten je nach Beruf, Betrieb und Branche sehr unterschiedlich dar. Als sehr gering stufen die Experten die Erfolgsaussichten für die von Besetzungsproblemen besonders betroffenen Segmente der dualen Berufsausbildung ein (vor allem Handwerk, Gastronomie), günstiger werden sie für die noch kaum betroffenen Segmente eingeschätzt, darunter Großbetriebe, Industrie und Handel.

Der durch die Gewinnung von Studienabbrechern zu erzielende Nutzen liegt für die Experten folglich weniger darin, bestehende Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu bewältigen, als vielmehr dazu beizutragen, das Aufkommen weiterer Problemlagen abzuwenden.

Autor: SN/Michael Roither

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