Was im Mittelalter Sache der Gilden und Zünfte war, liegt heute im Aufgabenbereich des Bundes. Hier wird über Sein oder Nichtsein von Lehrberufen entschieden. Das ist oft eine langwierige Prozedur.

Plötzlich sind sie da: neue Lehrberufe wie Metallflugzeugbauer, Seilbahntechniker oder Rechtsanwaltsassistent. Manchmal ändern sich auch die Bezeichnungen.   So wurde aus der Ausbildung „Zweiradmechaniker“ im vergangenen Jahr die zum „Zweiradmechatroniker“, mit einigen gänzlich neuen Lehrinhalten. Seltener, aber durchaus üblich ist auch das völlige Erlöschen eines Lehrberufs. Flößer und Schriftsetzer beispielsweise kennen viele nur noch aus Büchern.
Selbstverständlich ist das notwendig, denn Ausbildung passt sich von jeher äußerst flexibel den Anforderungen des Arbeitsmarkts an. Jede technische Entwicklung, jede Veränderung des Marktes oder jede nützliche Erfindung macht es in der Regel notwendig, dass neue Berufe geschaffen und alte angepasst – oder sogar verworfen – werden.
In der Vergangenheit haben diese Aufgabe vor allem die Zünfte, Handwerkerbünde und Gilden übernommen. So waren es – neben der Kirche – zunächst nur die Handwerker, die bereits im frühen Mittelalter die Erlaubnis erhielten, andere in ihren Fertigkeiten zu unterrichten. Vielerorts schlossen sie sich zu offiziellen Gemeinschaften, den Zünften und Bünden, zusammen. Sie regulierten Preise, gewährten einander Schutz und diskutierten und bestimmten Ausbildungsinhalte und Dauer für den beruflichen Nachwuchs.
So entwickelte sich die feste Tradition und Einrichtung der Lehre. Sie begann häufig sehr früh: Manchmal waren die Lehrlinge gerade einmal sieben Jahre alt, wenn sie zu einem Meister gegeben wurden. Die Ausbildung dauerte in der Regel bis zu sieben Jahre. Da selbst in den schnell wachsenden Städten die Zahl der Mitglieder, insbesondere der Zunft- und Gildenverantwortlichen recht überschaubar war und die Kommunikationswege verhältnismäßig kurz, hätte eigentlich schnell auf Neuerungen reagiert werden können. Doch es dauerte so seine Zeit, bis sich eine Idee durchsetzte. Manchmal Jahrzehnte.
Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert verloren die Zünfte und Gilden immens an Bedeutung, doch vieles, das sie in die Wege geleitet hatten, wurde von Genossenschaften, Regierungen und Innungen übernommen. Heute ist es in Wien der Bundesberufsausbildungsbeirat, der sich um Inhalte, Dauer und Neuschaffung bzw. Löschung der Lehrberufe kümmert.
Das geht allerdings ebenfalls nicht im Eiltempo. Im Gegenteil. Die Vorschlags-, Prüfungs- und Entscheidungsprozesse ziehen sich zwar nicht über mehrere Jahrzehnte hin, wie es im Mittelalter häufig der Fall war. Doch die Wege sind lang und oft mühsam. Dabei klingt die Theorie einfach: Vorschläge für einen neuen Lehrberuf dürfen u. a. das Wirtschaftsministerium einbringen, die Wirtschaftskammer als Vertretung der jeweiligen betroffenen Branche oder die Arbeitnehmervertretungen wie die AK oder der ÖGB.
Wenn – was eher die Ausnahme ist – alles ohne Rückfragen, Einwände und Korrekturverfahren abläuft und die neue Ausbildungsordnung angenommen wird, erarbeitet der Beirat die Rahmenlehrpläne für die Berufsschulen. „Dies alles wird schließlich einem offiziellen Begutachtungsverfahren unterzogen und im letzten Schritt als Verordnung des Wirtschaftsministers erlassen“, heißt es aus der WKÖ.
Allein die oben beschriebenen Abläufe zeigen: Es ist ausgesprochen zeitintensiv, einen neuen Lehrberuf zu schaffen oder einen bestehenden zu verändern. Denn jedem dieser Schritte gehen natürlich zahllose Meetings, manchmal auch erbitterte Diskussionen, neue Präsentationen und Abstimmungen voraus, bei denen z. T. Einstimmigkeit Voraussetzung sind. Nicht zu vergessen ist der bürokratische Aufwand, der hier anfällt.
Beispiel Allgemeines Begutachtungsverfahren: Hier zeigt sich deutlich, wie viele Stellen in das Verfahren eingebunden sind und wie viele Ämter und Organisationen selbst noch nach der Akzeptanz des Vorschlags ihr Okay bzw. ihre Kommentare abgeben sollten. Das Bundesministerium schickt den lang erarbeiteten Entwurf „an alle Sozialpartner, Bundesministerien, Schulen, Universitäten usw.“ zur Begutachtung, beschreibt die WKÖ. Damit sich der zeitliche Aufwand in Grenzen hält, ist die Möglichkeit zur Stellungnahme auf zwei Monate beschränkt. Es folgen lange Prozesse der Auswertung, mehrere Überarbeitungen, Absegnung durch das Bundesministerium und letztendlich wird der finale Entwurf der österreichischen Staatsdruckerei übermittelt.
Erst wenn das Bundesgesetzblatt dann den Lehrberuf meldet, darf aufgeatmet werden: Ein neuer Beruf ist entstanden, die Ausbildungs- und Förderinstitute stehen bereit, die Lehrinhalte sind beschlossen und das Angebot der ausbildenden Betriebe ist für die Interessenten abrufbar. Da lohnt sich das Warten dann doch.

Autor: Ute Dorau

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