Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass ich ins Flugzeug nach Bulgarien gestiegen bin, um abzuheben, ins ungewisse Blaue. Ungewiss darüber, wogegen ich meine schicke neue Eigentumswohnung „eintauschte“, für wen ich einen bei aller Liebe verständnislosen Großvater und meine um Verständnis ringende große Liebe „zurückließ“, wofür genau ich mein Studium um ein weiteres Jahr „hinauszögerte“. Europäischer Freiwilligendienst: Zirkus, Tanz und Straßentheater. Ein Kunstprojekt. Oder eher Sozialarbeit.

„Ihr jungen Leute, ihr seid, kommt mir vor, so orientierungslos“, ich höre meinem Großvater zu, wie klar bei ihm alles war. War sein Weg also vorgezeichnet, oder hat er nicht doch gespielt? War der Einsatz nicht hoch? Bin ich übermütig oder gehe ich ein notwendiges Risiko ein? Versteckt sich in dem Mangel an Sinn vielleicht die Scheu vor der Verantwortung? Rückblickend auf das Jahr kann ich allen nur sagen, was Rilke in den „Briefen an einen jungen Dichter“ schreibt: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.“ Ich glaube, dass es in Wirklichkeit gar nicht so wenige gibt, die den Mythos von der Karriereleiter geradeaus in den Himmel, der wohl bis in alle Ewigkeit so erzählt werden wird, nicht mehr glauben. Zum Glück finden sich immer ein paar „Verrückte“, die versuchen, etwas anderes auf zu bauen.

Hier am Balkan sei eben vieles „anders“, ärmlicher, zäher, dafür freier und wilder, sagen mir Yoana Yordanova und Andrzej Sojka, und ob ich darauf gefasst sei, fragen sie mich. Dass ich in nur zehn Monaten den Antworten so nahe kommen würde, sodass ich jetzt, wo ich wieder daheim bin, fast darüber stolpere, darauf war ich nicht gefasst. Ich erinnere mich an das letzte Gespräch mit meinem Vater, vor meiner Abreise, bevor er letzten Sommer verstarb: „Jetzt mal ernsthaft. Was willst du eigentlich in Bulgarien?“, fragte er und schaute mich herausfordernd an. Damals zitterte ich, jetzt wünschte ich mir, er könnte noch einmal fragen, „ich lerne sehen“, würde ich sagen und ihm dabei fest in die Augen schauen.

Anna Stockinger hat ihren Europäischen Freiwilligendienst in Bulgarien über akzente Salzburg absolviert.

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