Oft höre ich das Klagelied von unfähigen Führungskräften. Deren Verhalten entspricht nicht unserem Bild von guter Führung. Eher klingt es so, als ob zu viele Chefs fachlich inkompetente, aber selbstverliebte, ungehobelte Machtmenschen wären, mit denen man kaum zusammenarbeiten will oder kann. Ist das grenzenlose Überzeichnung oder steckt ein Körnchen Wahrheit dahinter?

Bei klassischen Firmengründern und Unternehmern – etwa kreative Ikonen wie Steve Jobs oder Walt Disney – vertreten Wissenschafter schon lang die These, dass sie „mildly sociopathic“ und „nicht gesellschaftsfähig“ sein müssten, um erfolgreich zu sein. Gerade Misstrauen und die Angst, von anderen abhängig zu sein, wären für sie eine wichtige Triebfeder. Auch bei „normalen“ Führungskräften stellen sich Forscher die Frage, ob spezielle Merkmale der Persönlichkeit wie Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie – die sogenannte dunkle Triade – nicht sogar deren Erfolg fördern. Auch wenn Menschen mit diesen Merkmalen nicht im klinischen Sinne als krank gelten, glauben sie doch im extremen Maße an die eigene Überlegenheit, können ihre Ziele gnadenlos und ohne Rücksicht verfolgen und denken keine Sekunde ans Scheitern. Warum sollte diese wenig sympathische Kombination trotzdem erfolgreich machen?

Eine mögliche Antwort: Derartige Führungskräfte erreichen ihre Positionen, weil sie Schwächen ihrer Mitmenschen ausnützen, sie gehen Risiken ein, entscheiden, übernehmen Verantwortung, stellen sich gern in den Mittelpunkt, werden dafür bewundert und steigen auf, während andere die Verantwortung scheuen. Dass sie nicht zwingend die beste Sachlösung und das Wohl der Organisation im Sinne haben, sondern vor allem den eigenen Erfolg, fällt erst dann auf, wenn sie sich in ihren Machtpositionen festgekrallt haben. Gegenmittel: nicht nachher jammern, sondern vorher selbst mutig die Ärmel hochkrempeln.

Jürgen Kaschube ist Wirtschaftspsychologe und Privatdozent.

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