Am Wochenende die Zeitung aufschlagen und schon ist es passiert: Da ist eine spannende Position ausgeschrieben, nahe an dem dran, was man sich gut vorstellen kann. Aber wie so oft: Viele der Anforderungen passen gut auf das eigene Profil, aber bei einigen kann man gar nichts vorweisen. Soll man jetzt eine Bewerbung sein lassen oder kann man sich im Prinzip auf alles bewerben, was einem spannend erscheint?

Trennen Sie zunächst in zentrale Anforderungen der Stelle („erforderlich“) und die, die „wünschenswert“ sind. Denken Sie daran, dass viele Stellenausschreibungen zumindest in Teilen aus Vorlagen kopiert werden und eine Ansammlung von Erfahrungen und Kompetenzen im Text steht, die nur eine „eierlegende Wollmilchsau“ erfüllt. Die Mehrzahl der Wunsch-Stellenprofile wird nicht komplett erfüllt. Harte Ausschlusskriterien sind meist ein Studium oder ganz spezielle Fachkenntnisse. Bei allen anderen Anforderungen, die nicht durch Zeugnisse oder direkt aus dem Lebenslauf ersichtlich sind, hilft eine gezielte Formulierung in der Bewerbung, wo ähnliche Fähigkeiten im bisherigen Berufsverlauf erworben und eingesetzt werden konnten. Als Faustregel gilt, dass zwei Drittel der wichtigen Anforderungen erfüllt sein sollten.

Eine spürbar durchdachte Bewerbung, in der auf das Stellenprofil genau eingegangen wird, ist trotz einiger Kompetenzlücken positiver als ein unmotiviertes Schreiben formal bestqualifizierter Bewerber. Fühlen Sie sich immer noch im Zweifel, suchen Sie einfach den persönlichen Kontakt! Betrachten Sie den Anruf dann gleich als ein kleines Bewerbungsgespräch, in dem Sie nicht nur die fehlenden Kompetenzen, sondern auch Ihre Stärken einbringen. Ein solches Engagement wird manchmal direkt belohnt: durch die Chance auf eine andere Position, die vielleicht noch gar nicht ausgeschrieben war. Initiative und Mut sind für Arbeitgeber wichtiger als die perfekte Vorbildung.

Jürgen Kaschube ist Wirtschaftspsychologe und Privatdozent.

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