„Ich reise gern und war schon in vielen Ländern, zählt das als Auslandserfahrung?“ Während Reiselust früher in Auswahlgesprächen eher als Zeichen von Unstetigkeit und begrenztem Engagement im Beruf angesehen wurde, suchen Hochschulabsolventen heute mit Auslandsaufenthalten oder Hobbys wie Reisen zu belegen, dass sie interkulturell kompetent sind. In vielen Berufen, nicht nur im Tourismus, ist es normal, Menschen aus anderen Kulturen als Kunden oder Kollegen zu haben oder selbst eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten. Erfahrungen vor dem Berufsstart werden von immer mehr Firmen vorausgesetzt oder zumindest positiv bewertet. Aber wie kann man sich möglichst effektiv auf das Arbeiten mit Menschen aus anderen Kulturen vorbereiten? Zwischen der persönlich wichtigen Erfahrung eines Auslandsaufenthalts und echter interkultureller Kompetenz besteht ein deutlicher Unterschied.

Eine längere Auslandsreise ist sicher eine gute Gelegenheit, die eigenen Sprachkenntnisse zu verbessern.

Ein Auslandssemester oder Auslandsstudium erweitert darüber hinaus den Wissenshorizont und fördert die Selbstständigkeit. Das Eintauchen in eine fremde Kultur gelingt aber überraschend häufig nicht. Die Reisenden oder Studierenden leben oft in einer „Nebenwelt“, in der sie zwar viele neue Eindrücke gewinnen und Menschen kennenlernen, aber sie zum Beispiel in der bunten Welt eines Studentenwohnheims schwer den konkreten Unterschieden zwischen Kulturen zuordnen können. Das Besondere einer Kultur wie ein anderes Verständnis von Hierarchie, Zusammenarbeit und Zeit oder starke Unterschiede im Herangehen an Aufgaben und Probleme erschließt sich erst über einen längeren Zeitraum, nachdem die Sprachbarriere weitgehend beseitigt ist und wenn der Zwang da ist, sich mit den Regeln der anderen auseinanderzusetzen. Erfahrungen brauchen daher echte Arbeitsverhältnisse oder mehrmonatige Praktika. Um sie zu machen, bedarf es des Mutes, den direkten Weg durch die Hochschule in den Beruf auch einmal zu verlassen. Das ist fast nie verschwendete Zeit.

Jürgen Kaschube ist Wirtschaftspsychologe und Privatdozent.

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